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Jalins Weg

Dáinduríel saß an einem wärmenden Kaminfeuer im Hinterzimmer der besten Taverne von Brenneker. Um ihn herum saßen viele, die er kannte, Freunde, Bekannte und auch neue Zuhörer. Sie hatten sich zu einem Geschichtenabend getroffen, wie so oft, da alle die Geschichten von Dáinduríel schätzten.
„Warum fangen eigentlich alle Geschichten mit ‚Es war einmal,..’ an ? Fragte jemand.
Dáinduríel lächelte als er antwortete: „Nicht alle Geschichten fangen so an, manche fangen auch mit ‚In einem fernen Land ...’ an. Ich werde Euch eine solche Geschichte erzählen, sie birgt, wie so viele eine kleine Weisheit in sich.“ Er setzte sich etwas bequemer in den Sessel und etwas näher an das Feuer und begann:

„In einem fernen Land lebte einst ein junger Mann. Es war ein ehrgeiziger junger Mann und er hatte sich selbst versprochen, dass er erst ein kleines Vermögen verdienen wollte, bevor er eine Familie gründen würde. Und so arbeitete und arbeitete er. Er war im Dienste eines reichen Händlers und für ihn reiste er im Land umher. Nie blieb er lange an einem Ort und sein Zuhause sah er selten. Nun sollte man meinen, der junge Mann, dessen Name Jalin war, würde die Zeit auf Reisen auch nutzen, um vielleicht die Schönheit der Umgebung wahrzunehmen, durch die er fuhr. Aber er steckte nur seinen Kopf in die Bücher und war vertieft in seine Zahlen. So gingen ein paar Jahre ins Land und Jalin hatte schon ein kleines Vermögen zusammen, doch immer wieder fand er Ausreden, es wäre noch nicht genug. So arbeitete er weiter und weiter, zog durchs Land und sah an sich nichts anderes als seine Bücher und die Händler, die er besuchte.
Eines Tages schickte ihn sein Meister in ein ganz anderes Gebiet. Er war der Meinung, dass sich sein Umsatz noch verbessern ließe und Jalin sollte diesen Landstrich auf brauchbare Einnahmequellen untersuchen. So packte Jalin ein wenig mehr Vorräte ein und stellte sich auf unwegsames Gelände und eine unruhige Reise ein.
Die Kutsche hatte wirklich viel auszuhalten und der Kutscher musste all sein Können einsetzen. Bald schon verließen sie bekanntes Gebiet und fuhren durch einen Wald, wie Jalin ihn noch nie gesehen hatte. Überall wuchs dichtes Moos an den Bäumen, die teilweise so dicht standen, dass sie fast wie ein Baum aussahen. Auf umgestürzten Bäumen wuchs das Moos weiter und bedeckte somit auch fast den ganzen Boden. Das Grün des Waldes war so intensiv, wie Jalin es noch nicht gesehen hatte. Das Licht in diesem Wald brach sich auf ganz eigentümliche Weise und lies alles viel weicher und geheimnisvoller aussehen. Das erste Mal ‚sah’ Jalin etwas. Doch er sah auch, dass diese Bäume gutes Holz hatten, und bald schon fing er im Kopf an zu rechnen, was diese Bäume wohl bringen würden, wenn sie auf dem Markt verkauft würden. Manche dieser Bäume waren so hoch und so dick, dass sie das gleiche Holz brächten, wie vier oder fünf der herkömmlichen Bäume aus seiner Heimat. Er vermerkte sich diese Beobachtung und fing dann wieder an in seinen Büchern zu wälzen ohne weiter auf den Wegesrand zu achten.
Ein Rütteln ließ ihn aufblicken, dann knackte es unglaublich laut und die Kutsche kippte zur Seite, überschlug sich ein oder zweimal und rutschte ein kleines Stück bis sie endlich zum Stillstand kam. Jalin versuchte seine Umgebung wahrzunehmen, aber es war alles verschwommen vor seinen Augen. Ehe er sich versah, war er schon in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen.
Irgendwann schlug er die Augen auf und konnte eine Holzdecke über sich sehen, die sicher nicht zu der Kutsche gehörte. Als er versuchte seinen Körper zu untersuchen, stellte er fest, dass er in einem kleinen Bett lag und das rechte Bein und der linke Unterarm bandagiert waren. Eine leichte Bewegung mit dem Kopf gab ihm unmißverständlich zu verstehen, dass auch der Kopf nicht ganz ohne Blessuren geblieben war. Bei jeder Bewegung dröhnte es in seinem Kopf und vor seinen Augen tanzten kleine Sternchen auf und ab. Das Bett und der Anblick einer Decke sagte ihm aber, dass er gefunden worden war und die Verbände, dass dieser jemand versuchte ihm zu helfen. Mit einiger Erleichterung fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

Einige Zeit später erwachte er erneut. Als er diesmal die Augen aufschlug, sah er ein junges Mädchen, die gerade dabei war, seine Verbände zu untersuchen. Langes blondes Haar floß um ihre Schultern und um ihr Gesicht wie Sonnenstrahlen. Ihr Gesicht strahlte eine Ruhe aus, dass er sich sofort sicher fühlte. Große dunkel blaue Augen, die manchmal fast schwarz erschienen, blickten ihn an und erst allmählich wurde er gewahr, dass sie mit ihm geredet hatte, als sich der fein geschwungene Mund bewegte.
„Du bist wach. Ich hoffe, ich hab Dir nicht weh getan, als ich Deine Verletzungen untersuchte?“ fragte sie ihn.
Noch leicht benommen, versuchte er zu antworten: „Nein, ich weiß nicht wovon ich aufgewacht bin. Aber wo bin ich ? Und wer bist Du ? Und was ist passiert?“ sprudelte es aus ihm heraus, als er merkte, daß es mit dem Reden wieder gut ging.
Leicht amüsiert lächelnd, richtete sie seine Verbände zu ende, bevor sie sich einen kleinen Hocker heranholte und sich setzte. Sie holte einmal Luft, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und antwortete ihm. „Du bist in meinem Wald, im Wald der verborgenen Träume, jedenfalls nenn ich ihn so und es ist noch niemand anderes hergekommen, der ihn anders nennen wollte. Mein Name ist Lyra. Ich hab Dich nahe eines kleinen Abhanges im Gras liegend gefunden. Es war ein Holzgefährt in der Nähe, aber niemand anderes. Da ich sah, dass Du noch lebtest, nahm ich Dich mit.“
Jalin schaute sie verwundert an. „Du lebst ganz alleine hier ? Warum ?
Haben Deine Eltern auch schon hier gewohnt ?“
„Ja, ich hab mit meinen Eltern hier gewohnt, bis sie starben. Ich weiß nicht warum sie sich diesen Wald ausgesucht haben, wahrscheinlich gefiel ihnen dieser Wald, so wie er mir gefällt. Ich brauche nichts anderes und ich kenne auch nichts anderes.“
Sie schaute ihn fragend an.
„Sind damit alle Deine Fragen vorläufig beantwortet ? Hast Du Hunger ? Du solltest was essen, Du hast seit 5 Tagen nicht gegessen.“ Und während sie ihn noch fragte, stand sie auf und ging kurz aus dem Raum, um mit einem kleinen Teller mit dampfendem Inhalt wieder zu kommen. „ Ich hatte die ganze Zeit eine stärkende Suppe auf dem Feuer, damit Du etwas essen kannst, wenn Du erwachst. Also enttäusch mich jetzt nicht.“ Fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
Sie stützte ihn etwas mit Decken ab und gab ihm dann löffelweise die Suppe zu essen. Sie schmeckte anders, als was er bis jetzt jemals gegessen hatte.
Irgendwie eigenartig erdig, aber gut.

Nach dieser ersten Mahlzeit war Jalin wieder so müde, dass er sogleich wieder in einen erholsamen Schlaf fiel. Am nächsten Morgen wachte er frisch und ausgeruht auf. Lange Zeit starrte er die Decke an und wartete darauf, dass Lyra hereinkam, aber sie kam nicht. Etwas gelangweilt und gereizt versuchte er sich zu bewegen und sich aufzusetzen. Es tat zwar weh, aber die Verbände und Schienen war gut angelegt und es verschob sich nichts. So saß er eine Weile auf dem Bettrand schaute aus dem Fenster. Alles was er sah , war dichtes grünes Unterholz und moosüberwucherte Bäume. Bald war ihm auch das zu langweilig und er versuchte gerade aufzustehen, als Lyra das Zimmer betrat.
„Oh, wie ich sehe, geht es Dir heute schon viel besser. Möchtest Du am Tisch im Nebenzimmer frühstücken ?“ fragte sie ihn, seine knurrige Miene völlig ignorierend.
„Ich würd gern mal etwas anderes sehen, als dieses Zimmer.“ grummelte er mit versuchter Freundlichkeit zurück.
„Dann laß mich Dir etwas dabei helfen.“ antwortete Lyra und stütze ihn auf seinen Weg in das Nebenzimmer. Es war noch etwas schwierig mit den Schienen zu laufen und jeder Schritt tat weh, aber es war auszuhalten und er wollte aus dem Zimmer raus. Als er endlich an dem in der Mitte stehenden Tisch saß, schaute er sich dieses Zimmer an. Links von ihm köchelte in dem Kamin anscheinend schon das Frühstück über einem knisternden Feuer. Der Tisch an dem er saß stand näher zum Feuer hin, füllte aber dreiviertel des Raumes. An der rechten Seite stand ein kleines Regal mit allerlei Behältnissen und Tellern und Tassen. Etwas weiter an der Wand lang, schon fast hinter ihm war noch eine Tür , die aber verschlossen war.
„Ist das Dein Zimmer ?“ fragte er Lyra.
„Ja.“ Antwortete sie ihm , während sie am Feuer nach dem Frühstück sah.
„Gibt es sonst noch Räume oder ist das alles ?“fragte Jalin neugierig.
„Nein, weitere Räume gibt es nicht. Mehr ist auch nicht nötig.“ sagte Lyra und stellte vor ihm eine Schüssel mit dampfenden Brei hin. „Hier iß das, dass wird Dich stärken.“
Jalin nahm einen Löffel voll und mußte pusten, damit er sich nicht die Zunge verbrannte.
Lyra hatte sich zu ihm gesetzt und aß selbst auch eine Schale voll. Nach den ersten Löffeln fühlte Jalin sich tatsächlich schon viel frischer und er aß soviel er konnte. Auch dieser Brei schmeckte irgendwie anders als was er sonst so kannte. Genauso wie in der Suppe meinte Jalin einen erdigen Geschmack heraus zu erkennen. Aber da er sonst gut schmeckte, sagte Jalin nichts dazu. Mittlerweile war seine Laune auch schon wieder etwas gehoben, allerdings nur ein wenig. Mit Blick auf Lyra konnte er jetzt seine Gedanken nicht mehr zurückhalten. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie Du hier leben kannst. Hier ist es doch langweilig. An sich ist es hier genauso schlimm wie in einer Einöde. Was hält Dich hier bloß ?“brach es aus ihm heraus. Und zur gleichen Zeit hätte er sich auf die Zunge beißen können, schließlich wollte er ja nicht undankbar sein. Lyra hatte ihn schließlich aufgenommen und gepflegt.
Vorsichtig schaute er Lyra an, die mit gesenktem Kopf über ihre Schüssel saß.
Zu seiner Überraschung hörte er ein leises Lachen aus ihrer Richtung und als sie aufschaute, sah er, dass sie immer noch leise lachte.

„Ich bin hier nicht einsam, wenn Du das meinst. Hier gibt es viel zu sehen und zu erfahren und wer sich darauf einläßt, kann ein erfülltes Leben führen. Im Moment noch bist Du blind für die Schönheiten dieses Waldes und Du siehst nicht was Dich umgibt. Nicht wirklich. Nichts ist wirklich langweilig. Nur wenn wir etwas nicht richtig betrachten, erscheint es uns so, weil wir ihm zuwenig Beachtung schenken und die Schönheiten nicht sehen können. Alles auf dieser Welt hat seine eigene Schönheit und seine eigene ihm innewohnende Magie und ich denke, es wird an der Zeit, dass auch Du dies lernst.“ Mit einem Lächeln stand Lyra auf und stellte die Schüsseln zur Seite. „Komm, wir fangen gleich an.“
Sie griff ihm unter die Arme und führte ihn hinaus vor die Tür. Ziemlich sprachlos von ihrem plötzlichen Redeschwall ließ er sich willig führen, außerdem kam er endlich mal raus.
Draußen neben der Tür stand eine kleine Holzbank. Lyra führte ihn dorthin und er setzte sich vorsichtig nieder. „Dies ist ein netter Platz für den Anfang. Ich werde jetzt mein Tagewerk fortsetzen und möchte von Dir wenn ich wieder kommen hören, was Du gesehen und erlebt hast.“ Damit lächelt sie ihm noch einmal aufmunternd zu und ging dann um die Ecke hinters Haus.
Einige Minuten saß Jalin ziemlich mürrisch auf der Bank herum. Er fragte sich mittlerweile bestimmt zum zwanzigsten Mal, was es denn hier zu sehen geben würde und langweilte sich fast zu Tode. „Wundervoll ! Ganz reizend !“ dachte er knurrig, „jetzt rettet sie mich vor dem Tode, nur um mich dann zu Tode zu langweilen. Was wohl als nächstes kommt...“
Doch nach einiger Zeit waren ihm selbst diese Gedanken zu langweilig und er schaute sich einfach etwas um. Vor ihm landete auf einmal ein kleiner bunter Vogel. Sein Brustgefieder war knallrot und seine Flügel schimmerten blauschwarz mit kleinen grünen irisierenden Streifen dazwischen. Jalin schaute dem Vogel zu, wie dieser auf dem Boden verstreute Krümel aufpickte und war sehr erstaunt, als dieser Vogel in auf einmal anschaute und überhaupt keine Angst zeigt. Als Jalin eher halbherzig versuchte ihn anzulocken, reagierte der Vogel tatsächlich und kam Krümel pickend immer näher. Zum Schluß flog der Vogel sogar einmal kurz auf Jalins Fuß ehe er wieder zurück in den Wald flog.
Auf einmal sah für Jalin der Wald nicht mehr langweilig aus. Plötzlich schien der Wald zu leben und überall gab es Tiere, die es zu entdecken galt. Je mehr er sich dieser Erkenntnis öffnete, desto mehr Tiere sah er und desto mehr Pflanzen wurde er gewahr. Pflanzen mit kleinen Blüten und großen Blättern, hohe gute gewachsene Bäume mit Moos an den Stämmen, in denen wiederum kleine Tiere lebten und riesige Farne, unter denen man Schutz vor Regen finden konnte.
Als Lyra wieder kam, sprudelte es fast aus ihm heraus, was er alles gesehen hatte, dass der Vogel auf seinem Fuß gesessen hat und er überhaupt keine Angst gezeigt hatte und vieles mehr. Lyra lächelte vor sich hin und hörte aufmerksam zu. Als er geendet hatte, sagte sie:“Ich sehe, Du hast schon etwas gelernt, morgen werden wir die Lektion fortsetzen. Aber nun lass uns was essen.“ Sie aßen zu Abend und gingen danach schlafen. Zum ersten Mal fühlte Jalin, dass es mehr geben mußte als nur Bücher, Zahlen und Geld und mit diesem Gefühl schlief er lächelnd ein.
Die Tage verstrichen, Jalin ging es immer besser und er konnte bald auch schon kleine Strecken in den Wald gehen und sich dort umsehen. Er entdeckte neue Pflanzen, andere Tiere und so nach und nach fesselte ihn diese Umgebung. Er erkannte, dass wirklich nichts unbedeutend und langweilig war. Es war alles auf seine Weise schön.
Eines Abends saßen er und Lyra auf der Bank vor der Hütte und genossen die letzten Sonnenstrahlen. Der kleine Vogel mit der roten Brust war auf einmal auch wieder da und pickte um sie herum. Jalin sah Lyra an: „Was ich Dich schon die ganze Zeit fragen wollte, woher weißt Du soviel über die Dinge ?“
Lyra lächelte: „ Meine Eltern haben mir alles beigebracht, was ich hier brauchte und vieles mehr. Sie haben diesen Wald geliebt und ich glaube, sie waren irgendwie ein Teil des Waldes. Ich vermisse sie, sie hätten Dir soviel mehr zeigen können.“
Jalin nickte :“Ich hab beobachtet, wie Du manchmal ganz eigenartig in die Pflanzen schaust und die Tiere betrachtest. Was siehst Du dann ?“ wollte Jalin wissen.

Lyra überlegte kurz und sah ihn nachdenklich an, doch dann entschied sie sich wohl zu erzählen, was sie sah. “Wenn ich mich anstrenge, kann ich manchmal Farben sehen, die die Pflanzen einzuhüllen scheinen. Mit der Zeit habe ich gelernt, welche Farben anzeigen, dass es der Pflanze gut geht und welche bedeuten, daß es der Pflanze etwas fehlt. Genauso ist es mit den Tieren. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, daß ich hier leben kann und helfe so gut ich kann, dafür versorgt mich der Wald mit allem notwendigen.“ Lyra blickte Jalin ernst an. „Als ich sagte, daß allem eine eigene Magie innewohnt, meinte ich das so.“ Jalin schaute sie überrascht an. „Sowas kannst Du sehen ?“ Ungläubig schaute sich Jalin um. Es gab keinen Grund, warum er ihr nicht glauben sollte. Er schaute angestrengt in den Wald. Bei ihm schien es nicht zu klappen. Als er auf seine Füße schaute, sah er den kleinen Vogel darauf sitzen. „Er mag Dich sehr gern.“ Sagte Lyra. “Er bekommt so einen weichen Glanz, wenn er Dich sieht.“ Und lächelte ihn an. Jalin hielt dem Vogel seine Hand hin und er sprang darauf. Mit kleinen Schritten hüpfte der Vogel den Arm hinauf auf seine Schulter und pickte ihm in den Haaren auf der Suche nach etwas zu essen. Jalin lachte leise. Nach einer Weile flog der Vogel zu Lyra, die ihm ein paar Krümel gab und dann flog er davon. Jalin wurde ernst. „ Ich muß bald aufbrechen. Meine Familie wird sich gewiß Sorgen machen und mein Herr bestimmt auch.“ Lyra sah ihn traurig an. „Wenn Du gehen willst, dann kann ich Dich nicht halten. Aber erinnere Dich an das, was Du hier gelernt hast.“
„Ich werde nie vergessen, was ich von Dir gelernt habe. Niemals. Und ich werde wieder kommen, wenn ich darf.“ Lyra sah ihn eigenartig an. „Gern, komm wieder, aber warte nicht zu lange.“ Damit beendete sie das Gespräch und sie gingen ins Haus. Es war mittlerweile dunkel geworden und Zeit zum Schlafen.

Drei Tage blieb Jalin noch, dann, eines morgens stand er mit gepackten Sachen vor dem Haus. Lyra brachte ihn noch bis zu dem Weg an dem sie ihn gefunden hatte und sie verabschiedeten sich innig von einander. Ihr Abschied dauerte sehr lange und es schien als ob sie sich eigentlich gar nicht von einander trennen wollten, doch irgendwann riß sich Jalin in Pflichtbewusstsein los und ging den Weg entlang zurück. Mehrmals drehte er sich um und sah wie Lyra noch am Wegesrand stand und ihm nachsah. Irgendwann stand sie auf einmal nicht mehr dort und er war mit seinen Gedanken allein auf dem Weg. Es kamen ihm viele Gedanken und sie kreisten alle irgendwie um Lyra und dem was sie ihm beigebracht hatte.
Nach vier Tagen erreichte er die erste Siedlung und kaufte sich dort ein Pferd. Nun ging es sehr viel schneller und schon bald war er wieder zu Hause.
Als er zu seinen Eltern kamen, begrüßten sie ihn freudestrahlend und mit Tränen in den Augen. Sie hatten ihn schon tot geglaubt und waren froh, ihn so lebendig und nach so langer Zeit wieder zu sehen. Jalin war erstaunt, als sie ihm sagten, er wäre fast fünf Jahre weg gewesen. Ihm kam es so vor als wäre es gerade mal ein halbes Jahr gewesen. Auch sein Herr, der Händler war sehr überrascht ihn wieder zu sehen, begrüßte es aber und gab ihm gerne seine Arbeit wieder, wusste er doch , wie gut Jalin seine Arbeit immer erledigt hatte.
Einige Wochen gingen ins Land und Jalin fühlte, dass er sich verändert hatte. Sein Ehrgeiz hatte sich gelegt und er war nicht mehr so verbissen in seiner Arbeit wie früher, seine Abschlüsse waren nicht mehr so unglaublich vorteilhaft für seinen Herren wie früher. Sie waren immer noch gut, keine Frage, doch Jalin brachte es nicht mehr übers Herz zu hart zu seinen Geschäftspartnern zu sein. Das merkte natürlich auch sein Herr und stellte ihn irgendwann zur Rede. Erst da merkte Jalin, das er mit seinem Leben nun so nicht mehr zufrieden war. Er war unglücklich mit seiner Arbeit und seinem Leben und er erkannte auch, was ihm fehlte. Lyra !

Er sagte seinem Herrn, dass er recht habe und seine Arbeit nicht mehr so machen könne, wie damals. Jalin kündigte seinem Herren, packte einige Sachen zusammen, verabschiedete sich von seinen Eltern und nahm sich ein Pferd. Schnell war er wieder bei der Siedlung, die er als erstes erreicht hatte, nachdem er von Lyra aufgebrochen war. Von dort aus ritt er noch zwei Tage und meinte dann an der Stelle zu sein, wo sie ihn auf den Weg gebracht hatte. Er band das Pferd locker an einen Ast und ging los in den Wald sie zu suchen.
Einige Male dachte er einen Weg in den Wald gefunden zu haben, doch immer versperrte ihm nach wenigen Metern dichtes Dickicht den Weg und er musste wieder umkehren. Auf seiner Suche nach einen Weg ging er weite Strecken am Wald entlang und wieder zurück, doch er fand keinen Zugang. Langsam wurde es dunkel und er musste sich an dem Wegesrand ein kleines Lager zurecht machen. So schnell wollte er noch nicht aufgeben.
Am nächsten Morgen setzte er seine Suche fort und rief auch immer wieder nach Lyra, doch immer noch konnte er keinen Weg in den Wald finden. Gegen Mittag setzte er sich enttäuscht in sein Lager und ruhte eine Weile. Während er eine Kleinigkeit aus seinen Vorräten aß, schaute er nachdenklich vor seine Füße, als er plötzlich einen kleinen Vogel vor sich landen sah. Er hatte ein knallrotes Brustgefieder und in den Flügeln grün irisierende Streifen. Sollte das sein kleiner Freund sein ? Versuchsweise warf Jalin ihm kleine Brotkrummen hin und langsam pickend kam der Vogel immer näher. Als der Vogel direkt bei seinen Füssen war, hüpfte er auf Jalins rechten Fuß. Ungläubig schaute Jalin in die kleinen schwarzen Augen seines Besuchers, das konnte fast gar nicht möglich sein. Und doch hielt Jalin ihm seine Hand hin. Kurz legte der Vogel seinen Kopf schräg und schaute ihn fast prüfend an, dann hüpfte er bereitwillig auf seine Hand. Mit kleinen Sprüngen wanderte er Jalins Arm empor und suchte mit seinem kleinen Schnabel in seinen Haaren etwas zu essen. Jalin nahm ein paar Brotkrummen und hielt sie ihm wieder in der Hand hin. Und während der Vogel seine Krummen aß, erzählte ihm Jalin sein Leid. Dass er Lyra suche und keinen Weg in den Wald finden würde. Zwischendurch schaute der Vogel ihn immer wieder an, als ob er verstehen würde, wovon Jalin redete. Nach einer Weile waren die Brotkrummen alle und der Vogel hüpfte von Jalins Schulter vor seine Füße. Er pickte noch kurz im Gras umher, dann schaute er noch mal kurz Jalin an und flog davon. Fast hatte Jalin ja gehofft, der Vogel würde ihn verstehen und ihn durch den Wald führen, aber nun flogen auch seine Hoffnungen mit dem Vogel davon.

Fast resigniert machte er sich wieder auf die Suche nach einer Möglichkeit in den Wald zu kommen. Als die Sonne wieder langsam den Horizont berührte und wieder ein Tag ergebnisloser Suche vorbei war, wusste Jalin nicht mehr, was er tun konnte. In seinem Lager sitzend und ins Feuer starrend überlegte er, welche Möglichkeiten er jetzt noch hatte. Eigentlich wollte er nichts anderes als zu Lyra zu gelangen und sie fragen, ob er bei ihr bleiben dürfte. In der kurzen Zeit, in der er bei ihr gewesen war, hatte sie seine Sicht der Welt gewandelt, er hatte gelernt zu sehen und er hatte gelernt zu lieben. Das war ihm erst, als er wieder bei seinen Eltern war, aufgefallen, er liebte Lyra. ....
Immer noch in Gedanken versunken, hörte Jalin nicht, wie es hinter ihm im Gebüsch leicht knackte. Erst als er vor seinen Füssen wieder den kleinen Vogel sah, schaute er auf... und sah in Lyra’s sanftes Gesicht.
„Dich hab ich die ganze Zeit gesucht!“ Freudestrahlend sprang er auf und umarmte sie stürmisch. Im ersten Augenblick überrascht über seinen Ausbruch, erwiderte sie seine Umarmung.
„Du hast mich gefunden oder besser unser kleiner Freund hat mich gefunden und mich zu Dir gebracht.“ Sie schob ihn ein wenig zurück und schaute ihn sanft an. „Wozu wolltest Du mich finden ?“

Leichte Röte überzog Jalins Wangen und er druckste ein wenig herum. „Naja, ich hab gesagt ich wollte wieder kommen und als ich zu hause war, da..na ja,.da ging mir erst auf, wie sehr ich mich verändert hatte und äh...“ er stockte kurz und rang sich dann aber doch durch, „und wie sehr Du mir fehltest. Deshalb wollte ich wieder zu Dir zurück und bei Dir bleiben.“ Schüchtern und angespannt schaute er sie an und setzt noch schnell hinzu. „Wenn Du mich überhaupt hier haben willst, heißt das.“
Erst als ihr ein kleines Lächeln übers Gesicht gleitet, löst sich ein wenig seine Anspannung.
„Ja, ich möchte sehr gern, dass Du bei mir bleibst.“ Und mit leiser Stimme fügte sie hinzu. “Du hast mir auch sehr gefehlt, ich freu mich unglaublich darüber, dass Du den Weg zurück zu mir gefunden hast.“
Nun fiel alle Anspannung von Jalin ab und er nahm sie wieder in seine Arme. „DU machst mich unglaublich glücklich.“ Zögernd setzte er flüsternd hinzu. „Denn ich spüre Liebe, dass hast Du mich gelehrt. Ich liebe Dich!“
Jetzt überzogen sich Lyra’s Wangen mit einer leichten Röte, als sie erwiderte. „Ich liebe Dich auch!“

Lange blieb es still und nur das knistern des Feuers im Kamin war zu hören. Erst nach einer Weile mochte jemand das Wort erheben. „Und wie ging es weiter ?“
Dáinduríel setzte sich wieder etwas anders hin und antwortete: „Sie gingen zurück zu ihrer Hütte und lebten dort lange Jahre. Sie zeugten Kinder und führten ein langes und erfülltes Leben.“ Und mit einem kleinen schelmischen Lächeln setzte er hinzu. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
Alle lächelten bei diesen Worten, doch keiner mochte im Moment die Atmosphäre der Geschichte stören und so schauten sie noch lange ins Kaminfeuer.


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