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Ragnarsson

Ragnarsson stützte sein Kinn auf Sessiz, seinen beseelten Bogen aus dem Totenreich. Eine Haltung, die er des Öfteren einnimmt und die zumeist Nachdenklichkeit ausdrückt. Die ausgehobenen Gräben und Wälle, gespickt mit angespitzten Baumstämmen, wiesen darauf hin, dass sich in Dun Taresh sowohl genug Ressourcen, als auch genügend Mann unter Waffen befanden, um die Schlacht vor die Tore der Zwergenfestung zu tragen. Was aber noch schlimmer war und die Belagerung erheblich erschwerte, war die Tatsache, dass Radolf ter’ Varn zusätzlich genügend Armbrust-, Bogen- und Ballistaschützen hatte, um während eines Ausfalles auch sämtliche wichtigen Zinnen und Wehrgänge der wuchtigen Trutz besetzen zu können und als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, befanden sich auch einige vorzügliche Scharfschützen darunter.

So blieb den Caldreanischen Truppen nichts anderes übrig, Gräben in die herbstnasse Erde zu treiben und sich zu verschanzen, darauf bauend, dass keine Burg unendlich Vorräte bunkern kann. „Nicht unendlich...“ sinnierte der Waldläufer. „...es ist bereits Herbst. Es wird kalt und das Wetter macht die Männer mürrisch und krank...“

Sein Blick blieb wie meistens an dem Mann hängen, der noch trübsinniger drein sah, als er selbst. Es war einer der Bogenschützen, eigentlich einer seiner Bogenschützen, gerade damit beschäftigt, die Sehne zu wachsen, um sie vor dem fortwährenden Nieselregen zu schützen. Ragnarsson ging auf den hochgewachsenen Hünen mit den dunklen Locken zu.
„Guntram...“ sprach er den Mann, der wie er selbst die Caldreanische Waldläufertracht trug, an. „...Scheiße, hätte das Wetter meine Laune nicht bereits getrübt, Dein Gesicht hätt’ sie mir gründlich versaut. Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter...“ – Ragnarsson blickte zum dämmrigen, grau verhangenen Himmel – „...na ja, sind ja auch schon vierzehn Tage...“
Guntram brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Herr, Ihr seht auch nicht glücklicher aus.“ „Bin kein Herr!“ beharrte Ragnarsson wie so oft.
„Für mich seid Ihr einer.“ wurde das Lächeln breiter.
„Hrmh... Gut, dann darf ich auch unglücklich aussehen. Schließlich hab’ ich ja auch meine Last mit euch trüben Tassen. Mit Deiner Laune zum Beispiel kannst Du eine ganze Einheit in den Trübsinn treiben... Was ist’s? Gut, das Wetter ist Scheiße und kalt, täglich stehen wir unter Beschuss und das Essen war auch schon mal besser, wir sollten mal fragen, ob wir nicht diesen Bartoldi bekommen können... Aber, hey, ab heute ist es verboten, nicht mit einem Lächeln im Gesicht in den Krieg zu ziehen! Wo kämen wir da denn hin, wenn ich mich auch noch um die Moral der Truppe kümmern muss?!“
Tatsächlich wurde Guntrams Lächeln noch breiter. „Herr, Ihr seid für die Moral der Truppe verantwortlich.“

„Oh...“ machte der Waldläufer überrascht. „...na, dann... Weitermachen, Soldat!“
„Ich mag Eure Art, Herr. Es ist gut, unter Euch zu dienen.“ brachte Guntram doch glatt ein Lachen zustande. „Hör auf, sonst werd’ ich noch eingebildet. Und Du weißt, wie schlimm eingebildete Offiziere sein können.“ zwinkerte Ragnarsson dem Mann grinsend zu, um dann wieder ernst zu werden. „Also, was ist los, Mann? Kann ich Dir helfen?“
„Kaum...“ fand auch Guntram schnell wieder zu seiner Laune zurück. „...es sei denn, Ihr könnt den Krieg friedlich enden lassen.“ Ragnarsson schlug sich auf die Stirn. „Meine Herren! Warum hab’ ich da nicht schon früher dran gedacht?! Warte, ich geh’ schnell los...“
Er tat so, als würde er sich abwenden, um auf die Burg zu zueilen, aber Guntram lachte nicht mehr. Er deutete stumm auf den Südturm der Zwergenfeste. Ragnarsson blickte dorthin und als nach geraumer Zeit nichts gesagt wurde, hakte er nach: „Was ist da?“
„Seht Ihr die Wache, oben am Turm?“
Ragnarsson nickte. Sie waren hier nur knapp außerhalb der Reichweite der Ballistas postiert und er konnte sogar ungefähr das Gesicht zwischen den Zinnen erkennen.
„Das ist Bertram...“
Ragnarsson schluckte trocken. „Bertram... Guntram...“ dachte er.
„Ganz Recht, Herr.“ bestätigte der Caldreanische Bogenschütze den Gedankengang des gebürtigen Anoriers, der sich hier angesiedelt hatte. „Mein Bruder.“
„Oh...“ machte Ragnarsson, diesmal allerdings ehrlich betroffen.

Kurze Zeit später, die Nacht war hereingebrochen, und die tiefen Regenwolken schienen zu versuchen, die Fackeln und Kohleschüsseln zu erdrücken, nachdem sie bereits alles Licht vom Himmel gestohlen hatten, drang ein lautes „Nein, verdammt!“ aus dem Feldherrenzelt.
Die behandschuhte Faust des Halbelfen donnerte auf den mit Karten und Pergamenten bedeckten Tisch, was den Waldläufer, der dort mit verschränkten Armen an der Zeltstange lehnte aber kaum berührte.
„Nein...“ fuhr Daidalos dann etwas gedämpfter fort. „...Du wirst ihn nicht heimschicken.“
„Aber wir können doch nicht Brüder aufeinander hetzen!“ erwiderte Ragnarsson ruhig.
„Wir können, müssen und werden. Täglich haben wir Verluste zu erleiden. Wir vermögen den Ring um die Burg nicht enger zu ziehen... Verdammt, wir brauchen jeden Mann! Für einen, der früher Kehlen durchgeschnitten hat, um an ein paar Kupfer zu kommen, bist Du ganz schön zimperlich geworden!“ erläuterte der Ritter des Eisenthrones.
„Erstens hab’ ich nicht für Kupfer geschnitten sonder mindestens für Silber und zweitens... Du hast mit dem, den ich mal das Leben gerettet habe, auch nicht mehr viel gemein.“ zelebrierte Ragnarsson seinen geliebten Sarkasmus.
„Du Arsch.“ brauste der Feldherr auf. „Immer wenn Dir was nicht passt, fängst Du damit an...“

„Tja, da bin ich nicht zimperlich.“ wurde zynisch unterbrochen.
Die langen Dreiecke unter den Augen Daidalos’ unterstrichen den bösen Blick, mit dem sein alter Kampfgefährte bedacht wurde. Ragnarsson drehte sich langsam ab und schlenderte Richtung Zeltausgang. „Also, nein...“ sagte er betont müde.
„Mir gehen Deine ausgedehnten Fronturlaube schon auf den Sack, Raggie. Ich kann nicht noch auf weitere Leute verzichten... Dein Treueschwur...“
„Kreon ist tot, mein Freund...“ wurde der Satz des obersten Kriegsherrn Caldreas abermals kalt abgewürgt.
Ragnarsson winkte lässig über die Schulter, ohne sich umzudrehen, bevor er aus der großen, bordeaux-weißen Jurte schritt.
Die Faust des Halbelfen in der imposanten Rüstung wurde wieder – diesmal mit den Knöcheln voran – auf den Tisch gedroschen. „Manchmal könnt’ ich Dich...“ begann Daidalos murmelnd.
„Du schlaf auch gut!“ drang es von draußen dann noch ins Zelt.
Ragnarsson grinste feixend, als das erwartete „Halt’s Maul, Du Querulant!“ endlich kam, gerade da er den Weg zur Hügelkuppe betrat.

Zwei Tage später hockte Daidalos im Matsch des vordersten Grabens. Die grob gezimmerte, hölzerne Schanzanlage vermochte zwar ein gewisses Maß an Pfeilen abzuhalten, den Regen aber schaffte sie nicht. Der Halbelf hatte die Unterarme auf die Oberschenkel gelegt und ließ die Hände müde herabhängen. Gerade musste er den Verlust von vier weiteren Männern hinnehmen. Sie hatten hier im Graben trotz Verbotes versucht, mit einem Feuerchen der nasskalten Herbstnacht ein wenig entgegen zu wirken. Nun ist ihnen nicht mehr kalt. Nun sind sie kalt...
Radolfs Scharfschützen warteten nur auf solche Gelegenheiten. Durch die dicken, tief hängenden Regenwolken waren die Nächte so dunkel, dass man die Wurfarme der eigenen Armbrust nicht sah, aber so ein Feuer bot eine vorzügliche Gelegenheit, die klammen Finger langsam um den Spannhebel zu schließen und dann den Abzug zu tätigen. Die reichlich vorhandenen Bolzen troffen vor Gift. Ein langsam wirkendes, Krämpfe und Schmerzen verursachendes. Angeblich einmal aus dem fernen Süden importiert und von einer Spinne stammend. Aber egal, wo es herkam und wie man es herstellte... Hatte man damit einen getroffen, hatte man auch die anderen. Kaum einer – und sei er noch so feige – konnte es ertragen, wenn sich ein Kamerad in unmittelbarer Nähe vor Schmerzen am Boden wand...
Daidalos war mittlerweile bis zu den Knöcheln im Matsch versunken. Ein dünner Rinnsaal mit viel Regenwasser verdünnten Blutes sah sich gezwungen, einen Umweg um die festen Stiefel des Halbelfen zu suchen. Der Regen trommelte unaufhörlich auf die Schulterplatten und wie er dann durch die Kleidung drang, ließ er einen wissen, dass er sich in nicht allzu langer Zeit in dicke, weiße Flocken wandeln würde. Daidalos starrte auf den Boden und lauschte. Dann blickte er auf. Das ferne Fackellicht des Lagers wurde von zwei Nieten eines schwarzen Kopftuches reflektiert, welches sich langsam von der Burg her näherte.
„Ksss, ksss!“ machte Daidalos und die schwachen, rot-orangen Reflektionen, gerade genug vorhanden, um von einem scharfen Elfenblick wahrgenommen zu werden, änderten ein wenig die Richtung.
Ragnarsson rutschte bäuchlings in den Graben. Sein Köcher war leer. „Vierzehn von Fünfzehn.“ grinste er.
„Versager!“ spottete sein Gegenüber, welcher sich in der Hocke bleibend in Bewegung setzte, um ins Lager zurück zu kehren.
„Pfffh...“ machte der Waldläufer. „Das nächste Mal gehst Du eben selber, Du Ritter des Eisenthrones.“
„Will Dich doch nicht beschämen, Du Wahnsinnsschütze.“ erwiderte Daidalos.
„Daidie?“ setzte Ragnarsson an.
„Nenn’ mich nicht so, verdammt!“ grollte der Angesprochene, sich umblickend und dann langsam wieder aus der Hocke aufstehend. Der Halbelf streckte sich und ließ die Nackenwirbel knacken. Sein Gefährte tat es ihm Gleich, fast im selben Augenblick.
„Wieso? Ist eh niemand da...“ meinte Ragnarsson dann.
„Du sagst es aber auch, wenn wer da ist.“
„Und? Du sagst ja auch Raggie zu mir.“
„Jeder sagt Raggie zu Dir...“
„Halt die Klappe, Sargie... Und Du auch, Sessie.“
Daidalos grinste. Es ist den Menschen und, wie es scheint, zumindest auch den Halbelfen zu Eigen, dass selbst, wenn Not und Leid am Schlimmsten sind, sie selten gänzlich ihren Humor verlieren.
„Siehst Du...“ meinte Daidalos zufrieden.
„Hrmh... ja. Also, Herr Daidalos, oh edler Ritter des Eisenthrones und Oberster Feldherr Caldreas...“
„So passt das.“
„...Beschützer der Schwachen, Galan des höfischen Parketts, Siegreicher in unzähligen Schlachten, Befreier des Landes Aredrog...“
„Du wolltest `was fragen, Raggie.“
„Hm? Ah, ja... Daidie?“
Der Halbelf seufzte tief. Ohne sich umdrehen zu müssen, wusste er, dass sein Hintermann ein unheimlich breites Grinsen aufgesetzt hatte.
„Ja, Raggie?“ resignierte Daidalos.
„Wann treffen denn endlich die Materialien für die Ballistas und das schwere Sturmgerät ein?“
Der Feldherr war etwas verdutzt, eine sachliche Frage von seinem langjährigen Gefährten gestellt zu bekommen.
„Ääh...“ machte Daidalos, um die Zeit zu gewinnen, sich auf dieses unerwartete Gesprächsthema einzustellen. „...ich kann es nicht genau sagen, aber es wird noch ein paar Tage dauern. Der ständige Regen hat die Handelsstrassen aufgeweicht, dadurch verzögert sich alles.“
„Hrmh... Das erzähle ich meinen Männern schon ungefähr seit einer Woche. Kann man nicht einen Boten losschicken, der Konkretes in Erfahrung bringt?“
Der Feldherr blieb stehen und drehte sich um, blickte den Waldläufer ernst an. „Seit wann kümmern Dich solche Belange?“
Ragnarsson blieb stehen, erwiderte den Blick mit eiserner Miene. „Schon geraume Zeit. Nett, dass es Dir aufgefallen ist... War das die Antwort?“
„Nein, aber ich bin es eben nicht gewohnt, von Dir solche Fragen zu hören. Normalerweise kümmerst Du Dich darum, dass genügend Bier im Lager der Bogenschützen ist, oder wann die nächste Kampfpause kommt, damit Du Dich um diesen Drowbalg im „Güldenen Horn“ kümmern kannst, oder so’was. Ich wundere mich, dass Du überhaupt irgendwelche Pflichten wahrnimmst.“
„Oh, gut zu wissen, wie man eingeschätzt wird.“
„Komm, spiel’ jetzt bloß nicht den Beleidigten! Ist doch so... Alles, was mit zu viel Verantwortung zu tun hat, davon lässt Du die Finger...“
„Ich spiele nicht den Beleidigten.“ erwiderte der Waldläufer daraufhin mit einem eigenartigen Lächeln. „Auch wenn ich Grund dazu hätte. Wenn Du, mein alter Freund, hin und wieder einmal von Deinem Elfenbeinturm herabsteigen würdest und `mal wieder Augen für Sachen abseits des Wohles Caldreas hättest, würdest Du feststellen, dass davon viel für das Wohl von Caldrea wichtig ist und auch, dass sich die Menschen um Dich ändern. Wäre ich irgendeiner dieser Menschen, hättest Du schon seit geraumer Zeit einen Freund weniger... Ich hingegen kenne Dich und nehme Rücksicht auf Deine Veränderungen, von denen Dir die meisten aufgezwungen wurden oder Du sie Dir selbst aufgezwungen hast.“
Ragnarsson machte eine kurze Pause. Daidalos hatte offensichtlich erhebliche Probleme, dem Redeschwall seines Freundes zu folgen. Dann fuhr der Waldläufer erbarmungslos fort: „Du solltest dennoch nie vergessen, wer Deine Freunde sind und wie Du sie behandelst. In der wenigen Zeit, die wir letzthin miteinander verbringen durften, hättest Du durchaus herausfinden können, dass die Probleme, die ich habe, teilweise auch mit dem Wohle Caldreas verknüpft sind... Und dass auch auf mir eine Menge Verantwortung lastet. Mehr, als Du erahnen würdest, so Du einmal wirklich über mich nachdenken tätest.“
Dem Feldherrn blieb der Mund offen. „Was redest Du da?“ hakte er dann etwas verunsichert nach.
Ragnarsson grinste und schritt an ihm vorbei. „Vergiss’ es, Daidie... Was ist nun mit den Ballistas?“ meinte er leichthin im Vorbeigehen.
„Was soll der Scheiß?!“ schrie Daidalos ihm nach.
„Das frag’ ich mich auch. Sie hätten schon längst hier sein sollen!“ antwortete Ragnarsson, immer noch grinsend und ohne sich umzudrehen.
Daidalos eilte dem Bogenschützen, dem ein mehr oder minder offizieller Rang als befehlshabender Offizier zugeteilt worden war, nach.
„Hey!“ schimpfte er.
Vergiss’ es, Daidie. Kümmer’ Dich lieber darum, dass ich eine zufrieden stellende Antwort auf meine Frage bekomme... Ich hab’ keinen Bock mehr, meine Leute mit irgendwelchen Vermutungen zu vertrösten.“
„Hab’ ich irgend’was verpasst?!“ fragte Daidalos ärgerlich.
„Ja, hast Du...“ wurde geantwortet. Ragnarsson blieb stehen und sah seinen Freund an. „...und nun sieh’ zu, dass Du in Dein Feldherrenzelt kommst, sonst erkältest Du Dich noch...“ wurde dann sarkastisch hinzugefügt.
„Was?!“ wollte Daidalos, mittlerweile recht zornig, wissen. „Was sollte der Vortrag? Ich hab’ hier wichtigere Dinge zu tun, als...“
Ragnarsson seufzte und schnitt seinem Vorgesetzten, der dummerweise aber auch ein enger Freund war, wie sooft das Wort ab: „Weiß ich. Deshalb kümmer’ Dich um sie. Um das andere kümmer’ ich mich, verlass’ Dich d’rauf...“
Und wie sooft drehte sich Ragnarsson einfach um und ließ den vielbeschäftigten, mit Unmengen an Verantwortung zugeschütteten Halbelfen einfach stehen. „Du, mein Freund, hast es übersehen, dass man auch an sich selbst denken muss...“ murmelte er noch leise, während Daidalos hinter ihm her schimpfte.

Ragnarsson schlief nicht besonders gut, in letzter Zeit. Er hatte gewusst, dass er sich nicht ewig um Verantwortung hätte drücken können. Und Verantwortungen hatte er übernommen. Viel Verantwortung... Nicht nur hier, im Felde... Dennoch verursachte es in ihm einfach ein Gefühl des Unwohlseins, des Am-Falschen-Ort-Zur-Falschen-Zeit-Seiens. Insofern musste er seinem kaozischen Freund Recht geben. Er schniefte, starrte noch kurz an die Zeltdecke, dann schwang er mit einem Seufzen die Beine vom Feldbett. „Mein Landsitz in Aredrog für einen Aufenthalt in einem aldarischen Badehaus...“ dachte er zerknirscht, zog sich seine Schuhe an und schlurfte zur Mittelstange, um sich Gambeson, Kettenhemd, Mantel und Gugel überzustreifen. „Und irgendein Königreich für eine ordentliche Massage...“ komplettierte er den Gedanken, während er abwechselnd seine Schultern kreisen und dann die Nackenwirbel knacken ließ. Mit einem Gähnen streckte er sich noch’mal, dann ging er bestimmt auf den Zeltausgang zu und trat ...in den strömenden Regen.
„Einen wunderschönen, guten Morgen, Männer!“ bedachte er die Umstehenden mit gespielter, guter Laune. „Wer macht den Rapport?“
„Herr, ich, Herr!“ antwortete ein junger Bogenschütze.
Ragnarsson hatte sich ein Rauchkraut in den Mundwinkel gesteckt und es mit einem glimmenden Ast aus dem Feuer in der Mitte des Lagers der Bogen- und Armbrustschützen angezündet.
„Bin kein Herr...“ spuckte er mit einem Tabakkrümmel aus. Dann hockte er sich hin, legte ein Scheit nach und wärmte sich die morgenkalten Hände an den auflodernden Flammen. „Gut... Schiess’ los, Junge!“
Der Junge, `s war wirklich einer, vielleicht siebzehn Sommer alt, salutierte, stand stramm und begann die Informationen herunter zu leiern. Ragnarsson musste lächeln, schön langsam musste er die gute Laune nicht mehr spielen.
„Moment...“ unterbrach er. „Rühren, Soldat.“ – der Halbwüchsige gehorchte – „...und nun setz’ Dich neben mich. Ich bin ein alter Mann und Du bist zu weit weg von meinen Ohren...“
Einem Veteranen, der vorbei ging, um Pfeile auszufassen, entlockte dies ein Grinsen. Als der Jüngling dann neben Ragnarsson saß, nickte dieser zufrieden, sog an seinem Rauchkraut und blickte seinen Gegenüber an. „Fahr’ fort, Soldat.“ munterte er ihn auf.
Es dauerte eine Weile, bis alle Wachgänge aufgezählt, alle – den Göttern sei Dank überwiegend harmlose – Vorkommnisse berichtet waren.
„Und sonst?“ wollte Ragnarsson wissen, da der Rapport sein Ende fand.
„Nun, Herr Ragnarsson...“ - der junge Mann fing fast an zu flüstern – „...man munkelt, dass eine geheime Eliteeinheit heute Nacht als Rache für die vier Gefallenen ganze 40 Scharfschützen von den Zinnen geholt hat!“
Der Waldläufer schmunzelte. „So? Munkelt man das?“
Weder Ragnarsson, noch andere Offiziere und schon gar nicht Daidalos selbst hielten – aus verständlichen Gründen – allzu viel davon, über die tatsächlich stattfindenden Kommandoaktionen zu plaudern. Sich Gerüchte allerdings gezielt ihren Weg bahnen zu lassen... Das konnte durchaus im Sinne der Befehlshabenden sein. Propaganda nennt man dies, hatte Ragnarsson während seiner Ausbildung in Wenzingen gelernt.
„Ja...“ fuhr der Soldat eifrig fort. „Guntram allein hat während seiner Runde acht frische Leichen gezählt, die von den Mauern gefallen sind!“
„Hm, Guntram... Ist er von seiner Runde schon zurück?“ wollte Ragnarsson wissen.
„Uhm... Nein, denke nicht...“
„Denkst Du oder weißt Du?“ wurde die Stimme des Quasi-Offiziers streng.
„Herr, nein, Herr!“
„Was, nein?“
„Herr, er ist noch nicht zurück, Herr!“
Ragnarsson seufzte und stand auf. Der junge Mann tat es im sofort gleich und stand – etwas verunsichert – wieder stramm. Der Waldläufer zog sich seinen Bogenhandschuh an und wandte sich ab, um Sessiz und den Köcher aus dem Zelt zu holen. Dann drehte er sich noch’mal zu dem Burschen um.
„Anstatt mir von ominösen Eliteeinheiten zu erzählen, solltest Du darauf achten, mir nicht wichtige Details vorzuenthalten, Soldat. Guntrams Runde ist seit über einer Stunde zu Ende... Von wo aus berichtete er zuletzt?“
Der Bogenschütze schluckte nervös, musste kurz überlegen. „Der Bericht kam vom Posten unterhalb des Ostturmes, Herr.“ sagte er dann. "Vielleicht ist er ja durch die Südpassage hereingekommen..."
"Vielleichts interessieren mich nicht, Junge... Überprüfe das. Ich geh seine Runde von hier aus nach..." Ragnarsson nickte dann. „Gut... Wegtreten!“ wurde dem Jungen befohlen. Da dieser im Begriff war, dem nachzukommen, hielt Ragnarsson ihn zurück. „Noch’was... Es gibt keine geheimen Eliteeinheiten. Das sind nur... Gerüchte!“ sagte er laut genug, dass es auch Umstehende hören konnten.

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