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Wargans Fluch

Spät ist es schon als Dáinduríel zur letzten Geschichte diesen Abends ausholt. Es sind nur noch wenige Gäste da, doch diese möchten noch eine letzte Geschichte hören, ehe sie sich durch die dunklen Straßen auf den Weg nach Hause machen. Dáinduríel überlegt kurz und beginnt dann...
"Ich möchte Euch als letzte Geschichte dieses Abends eine Geistergeschichte erzählen. Ich habe sie auf meinen Wanderungen gehört als ich durch das Land Lungavia reiste, dessen Nachbarland Cottwon ist und mir wurde immer wieder beschworen, dass diese Geschichte war sein soll. Aber urteilt selbst..." Nocheinmal holt er tief Luft ehe er mit etwas gedämpfter Stimme anfängt zu erzählen.

"Vor langer Zeit lebte in Cottwon ein Herzog, der es liebte seine Schutzbefohlenden zu knechten. Sein Name war Wargan ap Brack. Neben der Jagd war seine Lieblingsbeschäftigung die Hinrichtung von vermeintlichen Straftätern, denen er nur zu gerne beiwohnte. Solche Hinrichtungen und Züchtigungen wurden auch immer gerne in die Länge gezogen, damit Wargan und die Zuschauer etwas zur Belustigung hatten.
In der Zeit machten die meisten Reisenden einen großen Bogen um Cottwon und einen noch viel größeren Bogen um das Lehnen von Wargan ap Brack. Man konnte ja nie sicher sein, ‚irrtümlich’ als Wegelagerer aufgegriffen und verurteilt zu werden, obwohl die einzige Straftat darin bestand, die Dummheit begangen zu haben, durch Cottwon zu reisen.

In diesen Tagen passierte es nun, dass Miriam, die Kräuterkundige und Hebamme, auf der Reise zu ihren Verwandten in Cottwon war. Ihre Reise dauerte schon länger und dementsprechend sah auch ihre Kleidung aus. Ein oder zwei Tagesmärsche würden auch noch vor ihr liegen und so wollte sie in dem nächsten Dorf rasten. In der Dorfschenke fand sie glücklicherweise ein kleines Lager und begab sich dann hinunter in den Schankraum, um etwas zu essen. Sie war noch nicht lange dort, als ein junger Mann aufgeregt hinein stürmte und laut fragte, ob irgend jemand ihm helfen könne, seine Frau läge in den Wehen. Miriam stand sofort auf und ging auf den Mann zu. „ Ich bin etwas bewandert darin, laßt uns sehen, was wir machen können !" sagte sie zu ihm und folgte ihm als er sich erleichtert mit ihr auf den Weg machte.

Bei der Untersuchung stellte Miriam schnell fest, dass es bei der Geburt Schwierigkeiten geben würde, wenn sie nichts tat. Also nahm sie ihre Tasche, suchte einige Kräuter heraus und kochte aus ihnen einen Sud, den sie der Schwangeren gab. Einige Minuten später wurde die werdende Mutter ruhiger und fast problemlos gebar sie ein kleines Mädchen. Freudestrahlend zeigte der Vater die Kleine herum und verkündete, dass sie Miriam heißen solle nach der Frau, die ihr so fabelhaft geholfen hatte auf diese Welt zu kommen. Zufrieden kehrte Miriam nach einer Weile in die Schenke zurück und legte sich erschöpft von den Aufregungen und der Reise bald auf ihr Lager.
Der frischgebackene Vater indes feierte noch bis spät in die Nacht mit den Dorfbewohnern und erzählte immer wieder von Neuem, wie seine Frau einen eigenartigen Sud bekommen hatte und wie schnell danach alles ging. Er wurde nicht müde es jedem zu erzählen, der es hören wollte und so erzählte er es auch freudestrahlend zwei Gardisten, die es sichtlich interessierte. Auf die Fragen, ob er wisse, was da zu einem Sud gekocht wurde, konnte der neue Vater nichts sagen und die beiden Gardisten nickten sich nur wissend zu und verabschiedeten sich dann auch bald.

Am nächsten Morgen wurde Miriam von einem Gepolter geweckt. Zwei Gardisten stürmten zu ihrem Lager, zerrten sie hoch und schrien sie an, sie solle ja keine Zaubereien versuchen. Völlig vor den Kopf geschlagen ließ Miriam es geschehen, dass sie nach draußen zu einem Wagen gezerrt und hinauf geschmissen wurde. Und schon rumpelten die Gardisten mit zwei weiteren, die am Wagen gewartet hatten los. Einige Stunden später fuhren sie auf einen Burgplatz ein. Miriam wurde hinausgezogen und in das Verlies gesteckt. Langsam dämmerte es ihr, dass sie richtig in Schwierigkeiten steckte, nur warum wußte sie nicht. Sie wußte ein wenig von Kräutern, aber sie konnte nicht mal magisch heilen oder geschweige denn große Magie wirken, also warum sollte sie diese Behandlung verdienen.
Einige Tage brachte sie in dem Verlies zu bis ihre Wache, die ihr das Essen herein reichte, erzählte, sie werde am nächsten Tag auf Befehl des Herzogs ap Brack auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, weil sie schwarzer Magie gewirkt hatte. Entsetzt schaute Miriam auf, wie konnte der Herzog so etwas behaupten, sie konnte ja nicht mal normale Magie wirken und warum sollte sie, die nur helfen wollte und konnte, sich der schwarze Magie widmen. Das konnte nur ein Irrtum sein. Verzweifelt beschwor sie ihre Wache, sie zu der Herzog zu bringen, damit sie diesen Irrtum aufklären konnte. Fast sah es so aus, als ob sie damit Erfolg haben sollte, jedenfalls verschwand die Wache kurz, kam jedoch dann mit der Meldung zurück, dass der Herzog ihr keine Audienz gewähre, da ihr Schuld einwandfrei bewiesen war.

Schluchzend zog sich Miriam in die hinterste Ecke ihrer Zelle zurück. Sie beschwor alle Mächtigen, die sie kannte, ihr zu helfen. Nach und nach verebbte das Schluchzen, die Tränen liefen nicht mehr in Bächen und versiegten schließlich ganz. Langsam kehrte ihr Wille zurück und damit auch der Wille zu kämpfen und keine Schwäche dem Herzog gegenüber zu zeigen, wenn sie ihn am Morgen sehen sollte. Wenn Sie schon sein Spielzeug in seinem makaberen Spiel war, wollte sie nicht nach seinen Spielregeln spielen. Sie hoffte immer noch darauf, dass der Herzog seinen Irrtum erkennen würde und sie frei ließ, aber darauf bauen konnte sie nicht. So wappnete sie sich die restliche Nacht über, um nicht zu zerbrechen, wenn es soweit war.
Und schon viel zu bald war soweit. Im Morgengrauen hörte sie schon Menschen auf den Burgplatz strömen und bei dem ersten Sonnenstrahl kamen die Wachen , um sie zu holen. Aufrecht folgte sie ihnen nach draußen. An der Tür stockte sie kurz, soviele Menschen hatte sie nicht erwartet. Die Wache schubste sie weiter und sie stolperte nach vorn, fing sich aber gerade noch, um nicht lang hinzuschlagen. Auf einer Tribüne saß der Herzog mit einem feisten Grinsen im Gesicht, etwas Irres glimmte in seinen Augen. In dem Moment wußte Miriam, dieser Mann würde sie nie gehen lassen, er hatte Freude an dem was er sah, er wollte es mit aller Macht. Trotzig straffte Miriam die Schultern. Nachdem Sie nun wußte, dass es nicht mehr zu ändern war, wollte sie ihm wenigstens nicht die Genugtuung geben, zu weinen und zu zetern.

Als sie an der Tribüne vorbei ging, bemerkte sie auch seinen Blick, der zu sagen schien : "Warum weint und wehklagt dieses Weib nicht?" Es war nur ein geringer Trost für Miriam und Zorn stieg in ihr hoch, wie jemand sich erdreisten konnte, Unschuldigen einfach das Leben zu nehmen. Dieser Zorn wuchs je näher sie dem Scheiterhaufen kam, als sie an dem Pfahl gebunden wurde, wurde dieser Zorn schon fast unerträglich und als auf einen zufrieden klingenden Befehl des Herzogs das Feuer entzündet wurde, schien Miriam vor Zorn schon fast zu glühen. Sie wollte ihm eine Lehre erteilen und suchte fieberhaft nach den richtigen Worten und dann kamen sie , von ganz alleine. Als die ersten Flammen schon an ihrem Rock züngelten, flossen die Worte plötzlich durch ihren Kopf und fanden den Weg nach draußen: „Bei den Mächtigen dieser Welt verfluche ich Dich Herzog ap Brack und Deine Nachkommen auf immer und ewig an Deine Opfer gebunden zu sein und keine Ruhe zu finden.!!"
Im gleichen Moment ertönte ein Donnern im wolkenlosen Himmel, die Menge schaute erschrocken nach oben, konnte aber nichts sehen. Viele schauten neugierig zum Herzog, doch der schien dem ganzen keine Beachtung zu schenken, er sah vielmehr aus als wäre seine Zufriedenheit einer wütenden Enttäuschung gewichen. Als die Menge zu dem brennenden Scheiterhaufen sah, wußte jeder auch warum. Dort stand Miriam immer noch aufrecht, aber mit blicklosen Augen und einem glücklichen Lächeln. Die Flammen hatten noch nicht mal den Rock angesengt und doch war schon alles Leben aus ihrem Körper gewichen.
Hier war nichts mehr spektakuläres zu sehen und so verstreute sich die Menge langsam, sie hatten auch so genug zu erzählen. Und schon bald machte die Geschichte von dem Fluch der Hexe die Runde.
Wargan ap Brack maß dem ganzen nicht viel bei, es geschah oft, dass seine Untertanen ihn verfluchten, schließlich mochte man ihn nicht und hatte Angst vor ihm. So führte er sein gewohntes Leben weiter, ließ Hinrichtungen vornehmen und war auch sonst der unliebsame Herzog wie gewohnt.
Doch mit der Zeit schlichen sich Zweifel bei ihm ein, ob an dem Fluch nicht doch etwas dran war. Zum ersten Mal dachte er daran, als er allein in seinem Arbeitszimmer saß und er Stimmen hörte, die flüsterten und neben seinem Stuhl zu stehen schienen. Er sah sich um, konnte jedoch nichts sehen. Wieder hörte er das flüstern. Erschrocken sprang er auf und eilte zur Tür. Als er sich umsah, war nichts zu sehen und die Stimmen waren weg. Für eine Weile blieb es bei diesem Vorfall.

An einem Herbstmorgen im selben Jahr hatte Wargan eine Jagd angesetzt und früh hörte man schon die Hunde bellen, die merkten, dass es los ging. Es war ein guter Morgen für eine Jagd, zwar wallten noch hier und da einige Nebelbänke über die Wiesen und durch den Wald, aber im allgemeinen war die Sicht gut und die Sonne schickte die ersten warmen Strahlen übers Land. Die Jagd begann und Wargan war immer vorneweg , hinter im die restliche Jagdgesellchaft, vor im die Meute. Nach einiger Zeit merkte er jedoch, dass sich die Luft um ihn herum geändert hatte. Die warmen Strahlen der Sonne drangen nicht mehr bis zum ihm vor und um ihn herum spürte er eine Kühle, die selbst ihn etwas schauern ließ, zumal er feststellen mußte, dass er allein war. In weiter Ferne hörte er noch die Hunde bellen, aber von der restlichen Gesellschaft war nichts zu sehen. Er sah sich um und als er links neben sich in eine Nebelbank einige Meter weiter schaute, meinte er ein Gesicht gesehen zu haben. Er blinzelte. Als er wieder hinschaute, sah er ein zweites Gesicht aus Nebel geformt, dass ihn ansah. Noch eines und noch eines erschien langsam im Nebel und alle schauten in mit gleichgültigen Gesichtern an. Schauer erfaßte ihn und er gab seinem Pferd die Sporen. Minuten später erreichte er erleichtert die Jagdgesellschaft und blieb zum Erstaunen der anderen auch bei ihnen.
Diese Vorfälle häuften sich. Mal sah er Gesichter in der Dämmerung, mal wieder im Nebel, er hörte Flüstern hinter Mauerecken wo keiner stand, Flüstern in seinen Räumen, wo nur er war und Flüstern selbst bei Spaziergängen im Burgpark. Bald verfolgten ihn diese Dinge auf Schritt und tritt. Manchmal meinte er ein Gesicht zu erkennen, zum Beispiel könnte er schwören, das er häufiger das Gesicht seines ehemaligen Kochs sah, den er hatte mästen lassen, weil er ihm einmal eine Speise versalzen hatte, manchmal wechselten die Gesichter aber auch so schnell, dass er keine einzelnen mehr ausmachen konnte. Als selbst in seinen Träumen diese Gesichter auftauchten, war er dem Wahnsinn nahe.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sein Sohn sich schon Gedanken um seinen Vater und dessen Verhalten gemacht. Merdon ap Brack war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte auch leider viele seiner Angewohnheiten geerbt. Er war ebenso blutrünstig wie Wargan, doch nun kam er ins Grübeln, ‘konnte dieser Fluch doch Wirkung zeigen?’ . Bis zu dem Abend als Wargan seinen Sohn in sein Arbeitszimmer rief und ihm erzählte, was ihn heimsuchte, hatte er es nicht glauben wollen und auch da noch war es fast nicht zu glauben, aber was da hinter dem Schreibtisch saß war nicht mehr sein stolzer starker Vater, es war ein Wrack. Wargan war nach wenigen Jahren Heimsuchung nur noch ein Schatten seiner selbst, er konnte kaum noch schlafen und überall wo er ging und stand sah er sie. Meist wußte er schon nicht mehr, ob er sie sich schon von selbst einbildete oder ob sie wirklich da waren. Er war am Ende und so war es nicht verwunderlich, dass es schnell bergab mit ihm ging. Merdon mußte es glauben, doch blieb noch ein kleiner Zweifel, da er diese Dinge nicht sehen konnte. Aber das Bild seines Vater berührte ihn trotz seines Charakters.

Einige Tage später ließ Wargan seinen Sohn erneut rufen. Mittlerweile kam Wargan kaum noch aus dem Bett und lag den ganzen Tag an die Decke starrend da, als ob er auf den Tod warten würde. Merdon betrat das Zimmer und fröstelte, es war Sommer und doch war es kühl in dem Raum und der Tod lag in der Luft. Er ging ans Bett seines Vaters und setzte sich zu ihm. Langsam drehte Wargan seinem Sohn den Kopf zu. „Merdon, Du mußt es besser machen als ich. Ich kann es Dir nur raten, begehe nicht die gleichen Fehler." Flüsterte er Merdon zu. Dieser nickte nur, offensichtlich erstaunt. Wargan nahm Merdons Hand ,drückte sie, kam etwas mit dem Oberkörper hoch und sah Merdon eindringlich an. „Du MUßT es besser machen, versprich es mir !" Raunte Wargan ihm mit Nachdruck zu. Immer noch ziemlich sprachlos nickte Merdon im zu und versprach dann ein besserer Herzog zu werden. Wargan legte sich zurück. Eine Weile hörte Merdon noch die ruhigen Atemzüge seines Vaters und plötzlich hörte er ein leichtes Flüstern. Zuerst beugte er sich zu seinem Vater in der Annahme, er wolle ihm noch etwas sagen, doch er merkte, dass dieser ganz ruhig da lag und nach oben schaute. Merdon wollte sich gerade wieder zurücklehnen, als Wargan plötzlich die Augen aufriß und panisch nach Luft schnappte. „Sie kommen ! Sie kommen ! Sie kommen um mich zu holen !" Ein angsterfüllter Schrei gellte durch den Raum, dann war plötzliche Ruhe. Als Merdon seinen Vater ansah, lag dieser mit weit geöffneten Augen voller Angst im Bett. Sein Körper hatte sich im Tode völlig verkrampft und seine Hände hatten sich in die Bettdecke gekrallt.

Einige Jahre nahm Merdon sich die Mahnung seines Vaters zu Herzen und versuchte ein gerechter Herzog zu sein. Er orderte Hinrichtungen nicht über Gebühr an und versuchte gerechte Urteile zu fällen. Nichtsdestotrotz hatte er die blutrünstige Ader seines Vater geerbt und er genoß jede der wenigen Hinrichtungen.
In der Zeit waren die Stimmen nur sehr selten zu hören. Er hatte geheiratet und einen Sohn gezeugt, den er Vakor (Später Vater von Ardonn ap Brack) nannte.
Mit zunehmenden Alter setzte sich bei Merdon jedoch die Eigenschaft immer weiter durch, die seinen Vater letztlich in den Tod getrieben hatte. Die Hinrichtungen nahmen zu und damit kamen auch die Stimmen verstärkt, die Merdon hörte. Bald sah er auch Gesichter und als sein Sohn ins Mannesalter trat, war Merdon ebenso wie sein Vater dabei sich mit Hinrichtungen den Tag zu versüßen. Nichts war von seinen guten Vorsätzen übrig geblieben.... und der Fluch lebte fort und fort..."

Hier schließt Dáinduríel seine Geschichte und blickt in die Gesichter der Anwesenden. Auf manchen spiegelt sich leichtes Unbehagen im Gedanken auf den Weg nach Hause, doch andere scheinen nicht zu fürchten und lächeln amüsiert.

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